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Das Bergvolk der Akha

Laos steckt noch heute voller traditioneller und ursprünglicher Lebensweisen. Also entschied ich mich dazu mir selbst ein Bild von den dortigen Kulturen zu machen und so ging es dieses Jahr im April in den Norden von Laos. Von Ban Huoayxay ging es mit dem Bus über zwei Tage hinweg in die nördlichste Provinz von Laos, Phongsali (zu dieser Provinz selbst wird noch ein eigenständiger Beitrag folgen). Nach einem mehrtägigen Aufenthalt ging es in einer kleinen Gruppe und Guide auf die beschwerliche Anreise, um in die Welt der Bergvölker einzutauchen. Dies geschah für die ersten Stunden auf der Ladefläche eines Pickup-Trucks einschließlich Platten. Dennoch sind wir mit etwas Verzögerung an unserem Startpunkt für die mehrtägige Wanderung angekommen und so ging es dann auch unmittelbar los.

Laos Platten Werkstatt Reparatur Reifen
Reparatur des Reifens in einer kleinen Werkstatt am Straßenrand.

Es geht nur langsam voran. Die Sonne steht im Zenit. Bei sengender Hitze inmitten der Trockenzeit bewegen wir uns Schritt für Schritt über ausgetrocknete Dschungelpfade durch die Berglandschaft von Phongsali. Die Temperatur steigt unerbittlich auf bis zu 35 °C. Die Luft ist trocken und es liegt der Geruch von verbranntem Holz in der Luft. Ein Schritt, Einatmen, ein weiterer Schritt, Ausatmen. Die Kleidung ist längst mit Schweiß durchtränkt und nach rund 6 Stunden Wanderung und vielen Höhenmetern ist der 2 Liter Wasservorrat zusehends aufgebraucht. Erschöpfung macht sich breit.

Boden Trockenzeit Risse Erde
Die Trockenzeit in Laos hinterlässt ihre Spuren.

Und schlussendlich ist da dieser Moment, in dem man alle Anstrengungen völlig vergisst und sich vor einem die Natur von ihrer schönsten Seite offenbart und in Ehrfurcht regelrecht erstarrt. Der Blick wandert über den Horizont, welcher von bewaldeten Bergketten durchzogen ist und die Sonne langsam beginnt unterzugehen.

Sonnenuntergang Laos Berge Dschungel
Ein magischer Sonnenuntergang.

Es dämmert schon langsam und wir sind noch immer nicht am Ziel angekommen. Die ersten Anzeichen des in den Bergen lebenden Akha-Volks sind allerdings schon zu erkennen: kleine, einfache Holzhütten und Felder. 

Hütte in den Bergen.
Hütte in den Bergen.

Hier und da sieht man Frauen mit Holzkörben auf ihren Rücken zwischen den Bäumen oder auf kleinen Trampelpfaden. Die Körbe die sie tragen sind wiederum schwer mit frisch geschlagenem Holz beladen, welches unter anderem zum Kochen benötigt wird. Barfuß oder mit Flip-Flops überholen sie uns raschen Schrittes, um vor dem Einbruch der Dunkelheit zurück im Dorf zu sein. Unser Wasser ist mittlerweile völlig aufgebraucht und noch ist das Dorf nicht erreicht. Doch je näher wir kommen, desto mehr Frauen und auch Kinder kommen aus verschiedenen Richtungen, um dort letztendlich wieder über Nacht bei ihren Familien einzukehren. Zu guter Letzt haben wir es dann endlich geschafft und nehmen im Zentrum des Dorfes auf einer einfachen Holzbank vor einer Hütte platz. Wir warten auf den Chief des Dorfes. Es dauert keine Minute und wir sind umringt von Kindern und Dorfbewohnern, die uns mit neugierigen Augen betrachten, tuscheln, lachen und spielen. Im Hintergrund laufen Hühner und Hängebauchschweine mit ihren Jungtieren umher. Und plötzlich ist man gefühlt in eine andere Welt eingetaucht, fernab jeglicher Romantisierung.

Akha Volk Bergvolk Laos Dorf
Angekommen im Dorf der Akha.

An dieser Stelle sei kurz das Prinzip dieser geführten Wanderung erklärt. Um Dörfer wie dieses besuchen zu können bedarf es einer Einwilligung durch die Dorfbewohner selbst. Die Wanderungen die Angeboten werden sind nur mit einem Guide erlaubt, dem das Vertrauen des jeweiligen Dorfes entgegengebracht wurde. Die Gruppen sind sehr klein und man übernachtet meist bei der Familie des Chiefs in einem sogenannten Homestay. Ein guter und erwähnenswerter Anbieter ist Amazing Phongsaly. Es werden ständig neue Routen entwickelt um auf Abholzung und Umsiedlung zu reagieren. Vom Tourpreis kommen mehr als die Hälfte den besuchten Dörfern zugute, über die Bezahlung der Gastfamilie und einen Dorfentwicklungsfonds. Der Rest verteilt sich auf die Provisionen für den Tourenanbieter sowie ein Lohn für den Guide [1]. Die geführten Touren werden auch nicht ständig angeboten und man ist darum bemüht, immer in unterschiedlichen Dörfern unterzukommen. So wird gewährleistet, dass sich die Bergvölker nicht in ihrem Zusammenleben gestört fühlen und nur alle paar Monate eine kleine Anzahl an Touristen die Dörfer besuchen. Die nachfolgenden Aufnahmen sind nur mit ausdrücklichen Einverständnis der Dorfbewohner aufgenommen worden.

Kinderaugen.
Kinderaugen.
Traditioneller Kopfschmuck der Akha.
Traditioneller Kopfschmuck der Akha.

Die Akha sind Animisten mit einer reichen Geisterwelt und sprechen eine tibeto-burmanische Sprache. Nach der Legende der Akha begannen sie vor mehr als 2000 Jahren langsam aus ihrer angestammten Heimat in Tibet nach Südszechuan und Yunnan in China und vor kurzem nach Myanmar (ehem. Burma), Nordthailand und Nordlaos zu wandern. In Laos beläuft sich die Zahl der Akha schätzungsweise auf etwa 60.000, hauptsächlich in den nördlichsten Provinzen Phongsaly und Luang Nam Tha [2]. Fast alle Frauen tragen selbst hergestellte, traditionelle Kleidung. Die dafür benötigte Baumwolle erhalten sie aus eigenem Anbau und wir anschließend versponnen, sowie mit Indigo dunkelblau gefärbt. Dekoriert wird dies mit farbiger, meist roter Stickerei oder roten Ketten. Frauen anderer Akha-Gruppen schmücken sich zusätzlich mit silbernen Piastern oder alten laotischen Münzen aus Aluminium [1].

Kopfschmuck der Akha-Frauen.
Kopfschmuck der Akha-Frauen.
Die jahrzehntelange körperlich schwere Feldarbeit hinterlässt ihre Spuren.
Die jahrzehntelange körperlich schwere Feldarbeit hinterlässt ihre Spuren.
Mutter (rechts im Bild) und Tochter (links).
Mutter (rechts im Bild) und Tochter (links).
Traditionelle Kleidung und Schmuck der Akha.
Traditionelle Kleidung und Schmuck der Akha.

Das gesammelte Holz wird hauptsächlich zum Kochen und auch zum Heizen verwendet. Gekocht wird an einer einfachen Feuerstelle in der Hütte selbst. Diese wiederum besitzt keine Fenster, lediglich eine Tür. Neben einem Regal mit den notwendigen Kochutensilien, befindet sich über dem Feuer ein Gitter zum Räuchern von Lebensmitteln und darüber eine Vorrichtung um Lebensmittel zu trocknen. Gegessen wird nach dem Kochen an einem flachen Tisch und man sitzt auf dem Boden oder kleinen Holzbänken. Elektrizität, Toiletten oder einen Wasseranschluss in den Hütten gibt es nicht. Gewaschen wird sich an Brunnen auf kleinen öffentlichen Plätzen im Dorf.

Gesammeltes Feuerholz.
Gesammeltes Feuerholz.
Typische Einrichtung der Kochstelle in einer Hütte.
Typische Einrichtung der Kochstelle in einer Hütte.

Reis ist für die Akha die wichtigste Kulturpflanze und eines der Hauptnahrungsmittel. Sie legen in der Regel mehrere Hügelfelder für den Reisanbau pro Jahr an. Fast alles, was mit der Vorbereitung der Felder, dem Anpflanzen, der Pflege der Ernte, der Ernte und dem Zurückbringen in die Reiskammer zu tun hat, besitzt starke religiöse Akzente bei den Akhas. Neben der Felderwirtschaft züchten die Akha hauptsächlich Hühner, Schweine (beide sind sehr wichtig für ihre Opfergaben und Rituale) Wasserbüffel, und wenn sie Terrassenfelder bewirtschaften auch Kühe und Pferde [3]. 

Wie bereits erwähnt, ist der Anbau von Reis von zentraler Rolle für die Akha. Sie haben eine große Ehrfurcht vor dem Reisanbau und beginnen schon früh, den Kindern die damit verbundenen Bräuche und Tabus beizubringen. Ich war über die Komplexität sehr überrascht und möchte deshalb etwas näher darauf eingehen. Zunächst muss eine geeignete Stelle für das zukünftige Reisfeld gefunden werden, wobei sich kein Grab darauf befinden darf. Außerdem darf das Feld nicht auf ein Grab/Friedhof oder das Dorf selbst blicken. Hat man eine geeignete Stelle gefunden, so wird das zukünftige Feld markiert. Hatten die Akha in der Nacht nach der Markierung einen guten Traum, dann fahren sie fort und mit Hilfe von Macheten wird das Unterholz auf dem Feld geschlagen. Wenn sie währenddessen gekochten Reis, welcher in Bananenblätter gewickelt wird, essen, dürfen sie das Bananenblatt nicht offen auf dem Feld zurücklassen. Ist Reis übrig, so wird dieser auf den Boden geworfen und das Bananenblatt in Stücke gerissen. Wenn sie dies nicht tun würden, wird es später, wenn es regnet und sich etwas Wasser darin sammelt, der Regenbogen kommen, um dieses Wasser zu trinken, und der Geist des Regenbogens wird jemanden dort treffen. Nachdem das Gebiet mit der Machete geräumt wurde, geht ein Mann aus der Familie auf das Feld und schlägt den ersten Baum. In der Nacht vor und nach dem Fällen des ersten Baumes, dürfen die Männer und Frauen des Hauses keinen Geschlechtsverkehr haben. Der erste Baum darf beim Fällen auch keinen anderen Baum treffen, ansonsten darf das Feld dort nicht angelegt werden. Wenn ein Mensch von einem Baum getroffen wurde und ihm vor seinem Tod etwas Reis gefüttert wird, hält er es nicht für einen schrecklichen Tod. Aus diesem Grund müssen sie immer ein wenig von dem Reis, den sie mit auf das Feld gebracht haben, behalten. Nachdem das Gestrüpp und die Bäume gefällt wurden, trocknet alles in der  heißesten Jahreszeit für mehrere Monate. Wenn alles getrocknet ist treffen sich die Männer des Dorfes, um gemeinsam einen Termin festzulegen, an dem sie ihr Feld verbrennen werden. An dem Tag, an dem sie ihre Felder verbrennen, gehen nur die Männer und Jungen hinaus, da sie Angst haben, dass die Mädchen zu Tode verbrannt werden könnten [3].

Ein frisch gerodetes Feld.
Ein frisch gerodetes Feld.
Blick auf eine Feldhütte.
Blick auf eine Feldhütte.

Nach der Rodung wird das Feld umgegraben und die Feldhütte aus Bambus und Stroh errichtet. Auch in der Nacht vor und nach der Aussaat des Reises, ist es den Frauen und Männern eines Hauses untersagt miteinander zu schlafen. Die Aussaat des Reises erfolgt mit einer Art Gesang, welcher Gott gilt, um Ameisen und Tauben davon abzuhalten, die Reiskörner davonzutragen. Auf dem Feld befindet sich auch ein Schrein für den Feldgeist. Diesem werden Opfer dargebracht und es gibt eine sehr umfangreiche Zeremonie. Man ist sehr darum bemüht, dass die Seele des Feldgeistes nicht davonläuft, was eine negative Auswirkung auf die Ernte hätte. Ist es Zeit für die Ernte, dann erfolgt wieder eine umfangreiche traditionelle Zeremonie bis letztendlich geerntet wird [3, 5]. Diese Art des landwirtschaftlichen Reisanbaus ist auch unter dem sogenannten "Slash and Burn", zu deutsch Brandrodungsfeldbau, bekannt. Diesbezüglich werde ich einen weiteren Artikel schreiben und anschließend verlinken. 

Vorbereitung des Feldes für den Reisanbau vor Beginn der Regenzeit.
Vorbereitung des Feldes für den Reisanbau vor Beginn der Regenzeit.

Es fällt mir schwer zu einem Abschluss dieses Artikels zu kommen, aus zweierlei Gründen: Zunächst einmal gibt es noch viel mehr interessantes über die Akha zu berichten, wobei es noch eine Vielzahl weiterer Bergvölker Südostasiens ist. Ein weiterer Grund ist meine persönliche Auseinandersetzung mit der Thematik des Tourismus in Entwicklungsländern. Ich möchte das Leben der Akha mit meinem Beitrag keinesfalls romantisieren und der zunehmende Tourismus birgt sowohl Chancen als auch Gefahren [9]. In dieser inhaltlichen Auseinandersetzung möchte ich eine Auszug aus dem Buch "Meet the Akha - help the Akha?" von Corinne Flacke-Neudorfer [8] zitieren:

 

"In der Backpackerszene Bangkoks stehen die Akha für Hill Tribes, Trekkingtourismus, Authentizität, Tradition und Ursprünglichkeit. Ein beliebtes Buch mit dem Titel „Meet the Akhas“ (Goodmann 1996), das man in allen Buchläden rund um die Khao San Road erwerben kann, erklärt, wie man sich als Individualreisender auf die Begegnung mit den zurückhaltenden Akha vorbereitet und was den Besucher in den bergigen Dörfern abseits der Moderne erwartet: Gastfreundschaft, Natürlichkeit, Tradition. Hört man nun genauer hin, so fällt noch ein Aspekt auf, der in Erzählungen über die Akha in Laos dominant ist: Vergänglichkeit. Man könne die Akha noch unberührt erleben, auch seien noch nicht viele Touristen in Laos. Dieses ‚noch‘ ist eine vage Vorhersage und verweist auf den Gedanken, dass Laos’ Tage als unberührtes Land gezählt sind, und auch die Akha in Zukunft nicht mehr so sein werden, wie sie es über Generationen hin waren. Dafür steht ihre Lebensweise in den Bergen, fern von den Metropolen Asiens mit all ihrer Geschäftigkeit, wohl zu sehr unter dem Zeichen des Unmodernen. Die Akha leben nicht nur von ihren Reisfeldern, die sie durch Brandrodungsfeldbau gewinnen, sondern sie bauen auch Opium an, jagen vom Aussterben bedrohte Tiere und hängen einem traditionellen Geister- und Ahnenglauben an. Beschreibungen wie diese steigern die touristische Aufmerksamkeit gegenüber den Akha in Laos, doch mischt sich in diese faszinierenden Erzählungen auch ein leichtes Unbehagen. Die Akha gelten als arm, sie haben in den Dörfern keinen Zugang zu Schulen, Krankenhäusern und leben abseits der Gesellschaft. Abholzung, Klimaveränderungen, und eine steigende Ressourcenknappheit entziehen den Akha die Grundlage ihrer Subsistenz. In Backpackerkreisen ist man überzeugt, dass die politischen Umbrüche in Laos, die touristische Öffnung und das Entstehen neuer Märkte ihr Übriges tun werden. Dies wird bedauert, aber auch als unumgänglicher Lauf der globalisierten Weltgesellschaft gedeutet."

Blick in eine ungewisse Zukunft?
Blick in eine ungewisse Zukunft?

Es ist zutiefst erstaunlich, wie viel Wissen und Traditionen sich über Jahrhunderte hinweg innerhalb der Bergvölker kultiviert haben. Weitere Inhalte zur Geschichte, Religion, Sprache, etc. würden den Rahmen dieses Artikels sprengen. Für jeden der sich für weiterführende Literatur interessiert, kann ich folgende englischsprachige Webseite bzw. Literatur empfehlen: www.akha.org [4] und Paul W. Lewis [3, 5-7], sowie Corinne Flacke-Neudorfer [8]. Für mich persönlich war es eine sehr wertvolle Erfahrung die Bergvölker zu besuchen und in ihre Welt einzutauchen und den damit verbundenen Perspektivenwechsel zu erleben, ein Erlebnis, welches mich ganz sicher ein Leben lang prägen wird.

 

Ein besonderer Dank gilt Franziska Hain für den kreativen fotografischen Input und die gemeinsame Zeit in Laos. Herzlichen Dank!  (https://www.franziskahain.de)


[1] Stefan Loose; Reiseführer Laos; 8. Auflage.

[2] Paul T. Cohen; Resettlement, Opium and Labour Dependence: Akha-Tai Relations in Northern Laos; 2000.

[3] Paul W. Lewis; Ethnographic Notes on the Akhas of Burma; Volume 3; 1970.

[4] www.akha.org (zuletzt abgerufen am: 17.10.2019).

[5] Paul W. Lewis; Ethnographic Notes on the Akhas of Burma; Volume 1; 1969.

[6] Paul W. Lewis; Ethnographic Notes on the Akhas of Burma; Volume 2; 1970.

[7] Paul W. Lewis; Ethnographic Notes on the Akhas of Burma; Volume 4; 1970.

[8] Corinne Flacke-Neudorfer; Meet the Akha - help the Akha?: Minderheiten, Tourismus und Entwicklung in Laos; 2007.

[9] Jonathan Levy, The Akha and Modernization Case Study: The Akha & Modernization; A Quasi Legal Perspective, 2001.

 

 

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